Drei-Länder-Kooperation zwischen Bayern, Hessen und Thüringen

Jürgen H. Krenzer, Vorstandsvorsitzender und Mitbegründer der Rhöner Apfelinitiative e.V.

In der Rhöner Apfelinitiative kooperieren innerhalb einer Region Partner aus drei Bundesländern: Hessen, Bayern und Thüringen. Die Besonderheit dieser Kooperation besteht darin, dass nach der politischen Wende ein neues Bundesland hinzugekommen ist und die Rhön seit 1991 von der UNESCO als Biosphärenreservat prädikatisiert wurde.

„Apfelfans" als treibende Kräfte

1990 galt der Apfel in der Rhön noch nicht als gut zu vermarktendes, regionales Produkt. Die Landwirte beziehungsweise die Besitzer von Streuobstwiesen erzielten nur sehr geringe Preise für ihre Äpfel. Da es sich aus wirtschaftlicher Sicht nicht mehr lohnte, die Bestände zu ernten, wurden sie nicht mehr gepflegt. Besonders der thüringische Teil der Rhön war betroffen. Bis 1989 wurde hier sehr intensiv Obstbau betrieben, doch nach der Wende ging der Verzehr des eigenen Obstes aufgrund des Angebots der Supermarktketten drastisch zurück. Und für die heimischen Keltereien war es meist lukrativer, Saftkonzentrate aus Polen, Tschechien und Weißrussland zu verarbeiten. Zudem gibt es in der gesamten Rhön relativ wenig Obstbauvereine, die sich der Pflege der Streuobstbestände verschrieben haben. Und es mangelte bis dato auch an Qualitätskriterien für die heimischen Äpfel.

Es ist dem Zufall zu verdanken, dass ein paar „Apfelenthusiasten" zusammentrafen und feststellten, dass die Rhön zwar kein typisches Apfelanbaugebiet ist, hier jedoch Äpfel wachsen, die besonders sauer sind. So sauer, dass Apfelweinproduzenten aus Frankfurt und von weiter her in die Rhön kommen, um diese Äpfel zur Aufbesserung ihrer Tafelobstqualität aufzukaufen. Denn zur Herstellung von Apfelsaft und Apfelwein ist Säure erforderlich.

Diese Wertschätzung der Rhöner Äpfel führte zu der Überlegung, wie dies - auch vor dem Hintergrund der Philosophie des Biosphärenreservats „Erhaltung und Entwicklung der Kulturlandschaft Rhön" - für die Region genutzt werden kann. So gründete sich 1995 der Verein Rhöner Apfelinitiative, mit dem Ziel, eine Lobby für den Rhönapfel zu schaffen und die Vermarktung dieses Produkts in Gang zu setzen.

Höhere Preise für mehr Qualität

Laut Satzung arbeitet der Verein länderübergreifend und steht Interessierten jederzeit offen. Dies zeigt sich in der Zusammensetzung der Mitglieder, die alle gesellschaftlich relevanten Gruppen repräsentieren. Seit zwei Jahren ist auch der Vorstand mit Vertretern aus allen drei Bundesländern besetzt. Dies war stets Ziel, sollte jedoch nicht um jeden Preis erreicht werden. Solange in Thüringen kein kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung stand, schien es nicht sinnvoll, irgendjemand zu benennen, nur um den Anspruch genüge zu tun.

1995 wurde ich zum Vorsitzenden des Vereins gewählt. Von Hause aus Koch und Hotelier galt mein Interesse der Verarbeitung von Äpfeln für die Gastronomie. Denn als Erbe einer Streuobstwiese erschien mir die Abgabe der Äpfel an die großen Keltereien für rund zweieinhalb Euro pro fünfzig Kilogramm als zu schade.

Die Idee des Vereins ist: Schutz durch Nutzung, Naturschutz durch Genuss. Was heißt das? Bisherige Programme zur Förderung des Obstbaus lehnte der Verein ab. Die meisten Länder haben sich darauf spezialisiert, Baumpflanzungen zu finanzieren. Doch waren die Bäume erst einmal groß, gab es noch mehr Äpfel als vorher und der ohnehin niedrige Preis sank weiter. Der Verein setzte daher darauf, den Apfel in Wert zu setzen. Es galt, aus Äpfeln außergewöhnliche Produkte zu kreieren, die sich am Markt positionieren und einen höheren Preis als die herkömmlichen Erzeugnisse erzielen können. Das Ergebnis waren Apfelsherries, Apfelschaumweine und sortenreine Apfelweine. Der Verein zahlte den „Apfelbauern" einen höheren Preis als üblich und erhielt dafür auch eine bessere Qualität an Äpfeln.


Ehrenamt und Profession

Aktuell hat der Verein knapp über 100 ordentliche Mitglieder, in erster Linie Apfelbauern, Vermarkter und „Apfelfans". Hinzu kommen - jährlich schwankend - ca. 1.000 bis 2.000 sogenannte „Ehrenmitglieder". Diesen Status erhalten alle Apfelproduzenten, die kraft Apfellieferung automatisch für ein Jahr Mitglied der Rhöner Apfelinitiative sind, denn nur dann können diese Landwirte Äpfel in das vereinseigene Biosystem einbringen. Die ordentlichen Mitglieder wählen aus ihrer Mitte den Vorstand, dessen Mitglieder ehrenamtlich arbeiten. Zusätzlich wurde vor 6 Jahren ein Rhöner Apfelbüro ins Leben gerufen. Selbstständig sowie auf eigene Rechnung und Risiko koordiniert hier eine Person halbtags die Projekte des Vereins und betreibt Marketing und Öffentlichkeitsarbeit.

Unterstützt wird die Arbeit ganz wesentlich von den drei Verwaltungsstellen des Biosphärenreservats Rhön - noch gibt es keine gemeinsame Leitung, jedoch eine Arbeitsgemeinschaft - sowie von der EU-Gemeinschaftsinitiative LEADER. LEADER II konnten wir in Verbindung mit Sponsoren aus der Region gut nutzen. Der Verein Rhöner Apfelinitiative war hierbei der Antragsteller. Verschiedene Projekte wurden hier mit den jeweiligen Verwaltungsstellen umgesetzt, z.B. der Streuobstlehrpfad Hausen mit der bayerischen Stelle. Die erste Apfelmesse in Hohenroda wurde gemeinsam mit den hessischen Stellen koordiniert.

Projekt für Projekt

In den letzten acht Jahren hat der Verein zahlreiche Projekte durchgeführt, die auch heute noch Bestand haben. Mit Hilfe dieser Projekte will der Verein seinem langfristigen Ziel, die Rhöner Kulturlandschaft mit ihren Streuobstwiesen zu erhalten und weiterzuentwickeln, Stück für Stück näher kommen.

Um die Menschen für den Apfel und seine Produkte stärker zu sensibilisieren, veranstaltet der Verein alle zwei Jahre abwechselnd in einem der drei Bundesländer die Rhöner Apfelmesse, im Jahr 2002 fand diese im thüringischen Dermbach statt und wurde von der thüringischen LEADER-Gruppe maßgebend unterstützt. In jedem Bundesland gibt es eine andere Struktur und Umgang mit dem Thema Apfel: In einem Land ist man ein bisschen kreativer, in einem anderen Land verfolgt man eher den konventionellen Weg. Wichtig ist jedoch, dass der Apfel in allen Bundesländern „in den Köpfen" ist.

Ein wichtiges Projekt war die Sortenbestimmung, die über LEADER-II-Mittel gefördert wurde. Das Ergebnis hat alle Beteiligten überrascht: Mittlerweile wurden in der Rhön über 400 verschiedene Apfelsorten bestimmt. Dies ist angesichts der rund 2.000 deutschlandweit bekannten Apfelsorten ein beachtlicher Anteil. In der Rhön wachsen über 150 Apfelsorten, die bereits so alt sind, dass sie selbst von Pomologen - das sind Wissenschaftler, die sich mit Apfel- und Obstanbau beschäftigen - nicht sicher bestimmt werden konnten. Von einigen gibt es nur noch einen Baum in der Rhön. Diese galt es zu erhalten, allerdings nicht mit einen Schutzzaun, sondern über die Vermarktung von Produkten aus deren Äpfeln.

Dies ist nicht über die konventionelle Vermarktungsschiene zu erreichen. Der Verein hat daher in Zusammenarbeit mit dem Bio-Zertifizierer AGRECO aus Witzenhausen ein in dieser Größenordnung bisher in Deutschland einmaliges Bio-Kontrollsystem entwickelt, an dem über 2000 Apfelanbauer (die sog. Ehrenmitglieder des Vereins) angeschlossen sind. Dieses System garantiert aufgrund der Mitgliedschaft aller anliefernden Apfelanbauern eine gemeinsame Verantwortlichkeit, Transparenz und Kontrolle. Vermarktet werden die erzeugten Produkte dann als Bio-Produkte aus Rhöner Streuobst. Produktinnovationen dürfen dabei nicht fehlen. So brachte die Rhöner Apfelinitiative erstmalig Apfelchips auf den Markt, die inzwischen in ganz Deutschland kopiert werden. Die Landwirte erhalten dafür rund fünfzig Cent pro Kilogramm Tafelobst.

Ein weiteres Projekt ist der Streuobstlehrpfad der bayerischen Hochrhöngemeinde Hausen. In Kooperation der Rhöner Apfelinitiative mit der Bayrischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats wurde mit dem Lehrpfad eine touristische Attraktion geschaffen. Neben LEADER-II-Mitteln flossen auch Mittel des Freistaates Bayern und diverser gemeinnütziger Stiftungern.

In der Thüringischen Rhön werden in Sortenerhaltungsgärten alte Apfelbaumsorten mit Hilfe von sogenannten Reisern gezogen. Die weitere Veredlung übernehmen Baumschulen.

Der Verein versteht sich in erster Linie als Ideengeber und unterstützt neue Initiativen, bis deren Träger eigenständig sind. Ein solches Beispiel ist die Rhöner Schau-Kelterei im hessischen Apfeldorf Seiferts, die von meiner Familie betrieben wird und inzwischen zum „Zuhause" der Initiative geworden ist. Darüber hinaus gründete sich im Norden der Rhön die Kelterei „Ausbacher Roter" und viele kleine Lohnmostereien arbeiten aufgrund moderner Technik wirtschaftlicher als früher.

Der Apfel allein macht jedoch noch keine integrierte Regionalentwicklung aus. Verschiedene Maßnahmen müssen zusammenfließen, insbesondere auch touristische, denn die Rhön ist ein beliebtes Urlaubsziel. Dazu sind starke Partner gefragt. Dies sind neben den Verwaltungsstellen des Biosphärenreservats auch die Trägervereine für diese Institution. Die Rhöner „Schau-Kelterei" zieht als Modellprojekt mittlerweile Exkursionsgruppen aus aller Welt an, es finden Geschmacksschulungen als PR-Aktionen Großveranstaltungen statt und für Jugendliche werden Events zur Umwelt- und Bewusstseinsbildung angeboten, beispielsweise in der Rhöner Schau-Kelterei oder der Kuppenrhöner Kelterei.

Wie finanziert sich so etwas? Zu Beginn bot der Verein solche Aktionen zum Null-Tarif an, doch die Resonanz war gering. Seit die einzelnen Projektträger einen Preis beispielsweise für das Mitkeltern oder Erlebnisbacken verlangen, kommen die Menschen. Verschenken sollte man als Regionalinitiative nichts, denn als Initiative hat man nichts zu verschenken, wenn man eine Region weiterentwickeln will.

Die Kooperation geht weiter

LEADER ist für eine Initiative wie die unsrige sehr gut geeignet, der kooperative Ansatz wird dadurch gestärkt. Wir haben in den drei Bundesländern sehr viel erreicht, aber wir werden zukünftig verstärkt über den Tellerrand hinausschauen: Nun suchen wir auch Kooperationspartner in Österreich, Spanien und Frankreich und werden im Sommer 2003 über LEADER+ ein internationales Apfelforum in der bayerischen Rhön veranstalten. Organisiert wird dies von der bayrischen Verwaltungsstelle des Biosphärenreservats.
Ein weiteres Projekt wird durch die hessische LEADER-Gruppe „Verein Natur- und Lebensraum Rhön" auf den Weg gebracht: Im Jahr 2004 soll erstmals eine europäische Apfelmesse in der Rhön stattfinden. Hier sollen Euro-Modellprojekte zum Thema Apfel einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Aus diesem Grund unternimmt die Rhöner Apfelinitiative gemeinsam mit österreichischen Partnern aus dem Mostviertel eine Studienfahrt nach Asturien, um Kontakte zu knüpfen und Erfahrungen auszutauschen.
Dem Thema Erhalt und Weiterentwicklung der Kulturlandschaft durch den Apfel ist in allen drei Entwicklungskonzepten ein breiter Raum gewidmet. Schließlich steht die Rhöner Apfelinitiative als Beispiel für eine erhöhte regionale Wertschöpfung unter dem Motto „Aus der Rhön - Für die Rhön". Die Zusammenarbeit der LEADER-Gruppen wird weitgehend durch die Rhöner Apfelinitiative oder das Rhöner Apfelbüro koordiniert. Das klingt ungewöhnlich, funktioniert aber in der Praxis sehr gut.

Eine Kooperation zwischen allen Beteiligten ist wichtig: Sind erst einmal Unternehmer als Sponsoren und Bürger als Akzeptanzträger mit dabei, dann reicht diese Zusammenarbeit auch bald in die Verwaltungsstrukturen hinein, bei uns sogar in allen drei Bundesländern. Wer schon einmal an einer Keltereipresse gearbeitet hat, wird schnell gemerkt haben, was Teamarbeit heißt: Nur wenn wirklich Hand in Hand gearbeitet wird, kommt auch ein „saftiges" Ergebnis heraus.

 

 

Arbeitsstrukturen der Rhöner Apfelinitiative e.V.:

 

 

Rhöner Apfelinitiative e.V. • Eisenacher Straße 24 • D-36115 Ehrenberg-Seiferts/Rhön